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Zeit des Historismus (Eklektizismus) 1850 bis 1910

Politik 1850 bis 1870:
Der Imperialismus blüht, England und andere Staaten annektieren unzählige Kolonien. Preußen führt das Dreiständewahlrecht ein, das Steueraufkommen bestimmt das Gewicht der Wahlstimme. Bismarck ist Ministerpräsident in Preußen. Um die Zeit des Deutsch-Französischen Krieges beginnt die -> Gründerzeit.

Kultur 1850 bis 1870:
Gottfried Kellers "Der grüne Heinrich" erscheint, Max und Moritz von Wilhelm Busch wird von Lehrern als jugendgefährdend eingestuft, Wagner und Giuseppe Verdi schreiben ihre Opern, Frédéric Chopin seine Sonaten und Etüden. In der Stilrichtung des Realismus greifen die Maler auf die Ideale der Antike zurück. Die Malerei in freier Natur der Impressionisten gilt in konservativen Kreisen als Provokation. Edouard Manet wird als Rohling bezeichnet, der "mit Geschirrbürsten grüne Frauen malt". Das Münchner Marionettentheater gibt seine erste Vorstellung.

Architektur 1850 bis 1870:
Bekannte Bauwerke des Historismus sind das Neue Rathaus in München (Neo-Gotik), die Alte Oper in Frankfurt (Neo-Renaissance), der Berliner Dom (Neo-Barock / italienische Renaissance). Ein Beispiel für den Romantischen Historismus ist das Schweriner Schloss. Historismus, gepaart mit der Verherrlichung des Rittertums führt zum Bau von Neuschwanstein und der Burg "Schloss Lichtenstein" bei Reutlingen.
Um die Miete zahlen zu können, werden auch in engen Arbeiterwohnungen Zimmer untervermietet. Die Enge, in der verschiedene Familien zusammenleben, führt in den Augen der Herrschenden zum Sittenverfall. Um dem Einhalt zu gebieten, werden Küchen in Mietskasernen so klein gehalten, dass die anderen Räume genutzt werden müssen. Dadurch entfällt die Möglichkeit der Untervermietung. Die Bebauung mit Mietskasernen wird so eng, dass in die Hinterhöfe keine Sonne mehr scheint.

Technik und Wissenschaften 1850 bis 1870:
Das imperialistische System ermöglicht es den "Mutterländern" Rohstoffe billig einzuführen und diese industriell zu Fertigprodukten zu veredeln. Synthetische Farbstoffe werden entwickelt. Das Bessemer-Verfahren zur Stahlherstellung wird patentiert, Siemens baut eine Elektrolokomotive. Das Schienennetz wächst unaufhörlich. In England gefertigte Dampfmaschinen ziehen 6-scharige Kipp-Pflüge durch die Äcker.
Der erste Staubsauger und der erste Zahnarztbohrer werden in Betrieb genommen, Karl Drais erfindet den Fleischwolf. Für Laubsägearbeiten erscheinen Vorlageblätter, mit Linoleum werden die Böden ausgelegt.
James Clerk Maxwell forscht zu Elektrotechnik und Magnetismus, Darwin schreibt seine Abstammungslehre, die narkotisierende Wirkung von Lachgas und äther werden entdeckt.
Der Suezkanal wird gebaut. Stanley trifft den von ihm gesuchten vermissten Afrika-Forscher mit den Worten: "Dr. Livingstone, I presume?".

Gesellschaft 1850 bis 1870:
Hamburg erhält als erste europäische Stadt ein modernes Abwassersystem. Die entstehenden Fabriken ziehen die rasch wachsende Bevölkerung in die Städte. Auf dem Gebiet des späteren Deutschen Reichs leben 1816: 25 Mio., 1871: 41 Mio., 1915: 68 Mio. Menschen, davon 1871 2/3 auf dem Land, 1919 2/3 in der Stadt. Wegen schlechter Entlohnung und hoher Mieten herrscht bei den Arbeiterfamilien das nackte Elend.
In Hamburg leben 1868 mehr als die Hälfte der Einwohner in Kellerwohnungen oder Buden. Lehrlinge und Gesellen wohnen im Haus des Meisters. Die Wohnung der Begüterten wird zum Statusobjekt. Feine Häuser haben einen separaten Eingang für das Personal, das auch im Haus wohnt. 10 % der Bediensteten haben ein eigenes Zimmer, manche nur einen Strohsack in einer Ecke oder schlafen auf einem Hängeboden, einem eingehängten Brett mit Anstellleiter.
Wenn also von Möbeln des Historismus die Rede ist, so bezieht sich dies auf die Einrichtungen der Wohlhabenden.
Mit zunehmender industrieller Fertigung und dem Wegfall kleinstaatlicher Zollstellen kann sich aber ein wesentlich größerer Teil des Bürgertums "feine" Möbel leisten.

Erste Kaufhäuser mit breiter Angebotspalette entstehen, in Berlin wird die erste Litfaßsäule aufgestellt. Die Erfindung des Toilettenpapiers verdrängt in feinen Kreisen die bisher genutzten Zeitung vom Örtchen, in Schloss Ehrenburg in Coburg wird 1860 eines der ersten WCs installiert. Die ersten Adventskalender entstehen.

Neue Handelsmarken: Märklin beginnt zunächst mit der Produktion von Puppenküchen, ab 1891 auch Modellbahnen, Liebigs Fleischextrakt erobert den Markt.

Möbel des Historismus:
Die Möbel aus der Zeit des Historismus greifen auf vorangegangene Kunstrichtungen zurück.
Weil in vielen Fällen Elemente aus verschiedenen Epochen gleichzeitig ausgewählt werden, wird der Stil auch Eklektizismus genannt. Französische Möbel greifen eher auf das Rokoko zurück, deutsche Möbel orientieren sich zunächst an der von Thomas Chippendale beeinflussten englischen Mode der Neugotik, die dort Victorian-Style genannt wird. Einerseits werden nach dem Motto "viel hilft viel" Mischungen mehrerer Stile in einem Produkt verwendet, andererseits werden stilreine Möbel hergestellt. Auch Gegenstände, die es in der entsprechenden Epoche noch gar nicht gab, werden in den jeweiligen Stilrichtungen ausgeführt. Die Neo-Renaissance verbreitete sich stark in der -> Gründerzeit.
Neo-Barock und Neo-Rokoko folgen.
Und, da man gerade dabei ist, Kunststile zu kopieren, wird es auch modern, ostasiatische Stile zu imitieren. Tabletts und Kästchen, aber auch Kleinmöbel werden aus Papiermaché hergestellt, mit schwarzem Lack überzogen und dann mit bunten Blumenmustern bemalt. Holzstäbe an Stühlen und Tischen imitieren Bambus, indem ringförmige Verzierungen dessen Struktur nachahmen. Die Entwürfe werden so gestaltet, dass sie möglichst weitgehend mit Maschinen hergestellt werden können. Dazu werden auch bisher unübliche Materialien wie Pappmaché für Verzierungen oder Gusseisen verwendet. Die Sitzmöbel werden weicher, die Sitzflächen typischerweise mit Knöpfen in Felder eingeteilt, der Holzrahmen verschwindet unter der Polsterung, der Ohrensessel ist verbreitet.
Furniere wurden auch in früheren Stilrichtungen verwendet. Diese wurden mit mehreren nebeneinander liegenden Sägeblättern parallel aus einem Stamm gesägt. Ab etwa 1850 können diese aber durch Schälen von Baumstämmen erzeugt werden, wodurch der Verschnitt entfällt und das Furnier dünner ausfällt. Waren gesägte Furniere etwa 3 mm stark, sind geschälte nur 0,3 bis 0,9 mm stark. Das teure Furnierholz reichte also für deutlich mehr Möbel. Auch an roh belassenen Brettern kann das Alter von Möbeln erkannt werden. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts werden Bretter mit Maschinen gesägt. Dies führt zu einem sehr viel glätteren Schnitt. Ebenso die Schwalbenschwanzverbindungen, die bei alten Möbeln unregelmäßiger als bei Maschinenfertigung ausfallen.
Es entstehen Prachtmöbel nach alten Vorbildern, die Bescheidenheidenheit des Biedermeier ist vorbei. Wenn das Geld nicht für wirkliche Pracht reicht, so werden eben billige, maschinengerechtere "Prunkmöbel" gekauft.
Teilweise werden Bauwerke mitsamt ihrer Inneneinrichtung als Gesamtkunstwerke betrachtet und in einheitlichem Stil (oder gleichartiger Stil-Mischung) gestaltet. So verwundert es nicht, dass die bekanntesten deutschen Möbeldesigner auch bekannte Architekten sind: Karl Friedrich Schinkel baut in Berlin das Schauspielhaus, aber er entwirft auch Möbel im Stil des Biedermeier, der Neugotik und der Neo-Renaissance. Leo von Klenze baut in München die Ruhmeshalle und gestaltet Möbel im klassischen Stil der Neo-Renaissance, verziert mit Kränzen, Adlern und Löwen.

Puppenstuben des Historismus:
Bedienen sich die Möbelhersteller der großen Vorbilder hemmungslos an den Formen und Ornamenten vorangegangener Stilepochen, so gilt dies auch für die Puppenstuben. Auch hier tauchen neben verschnörkelten Möbeln frei nach dem Motto "viel hilft viel" Kleinmöbel wie Etageren und Blumenständer auf. Dabei versöhnt der kleine Maßstab und macht daraus einen eher netten Gesamteindruck.
Der Zinnguss wird detailreicher und vielfältiger.
Küchen sind in der Zeit des Historismus weiterhin Rauchfangküchen. Eine besonders interessante Küche ist im Spielzeugmuseum in Sonneberg in Thüringen zu sehen. Sie ist aus Blech gefertigt und hat einen außen angebrachten Wassertank. Dieser ist mit einer Pumpe versehen, die das innen liegende Waschbecken mit fließendem Wasser versieht. Der Ablauf des Beckens läuft zurück in das äußere Vorratsbecken. Neben dem Herd mit Rauchfang steht ein Geflügelstall für Stubenküken.